Zeit als Maßstab
Wir messen alles in Zeit. Auch Dinge, die man nicht in Zeit messen sollte. Dinge, die einen emotionalen Wert haben. Freundschaften, die seit zehn Jahren bestehen, sind besser als jene, die sich erst seit ein paar Monaten kennen. Beziehungen sollten mindestens fünf Jahre gehen, bis eine gewisse Reife erreicht ist. Für alles gibt es eine zeitliche Bewertungsskala. Wir stecken alles in Schubladen. Wann hast du zuletzt deine Eltern angerufen? Wann warst du das letzte Mal beim Arzt? Wie lange gehst du jeden Tag spazieren? Alles hat eine Zeitangabe. Und damit auch eine Norm, einen Richtwert, der für gut oder für schlecht befunden wird. Wir versuchen dieser Norm zu entsprechen, alles zu tun, um diesen vorgegebenen Wert einzuhalten. Und gleichzeitig setzen wir uns Ziele, die wir nicht einhalten können, machen Versprechungen, die wir ohne schlechtes Gewissen brechen. Das „Ich bin in fünfzehn Minuten da“ ist oft eine leere Floskel, selten ein Bezug zur Realität. Das Gefühl für Zeit ist verloren gegangen. Gleichzeitig steht es für Zuverlässigkeit. Es steht dafür, wie viel du als Mensch wert bist. Pünktlichkeit wird geschätzt, alles andere abgewertet. Doch dabei quetschen wir unser ganzes Leben in eine Zeitskala. Verformen es nach unserem Belieben, nach dem Belieben der Menschen um uns herum. Das Leben ist durchgetaktet, jede Stunde davon verplant. Kaum eine freie Minute, geschweige denn eine freie Stunde. In solchen Fällen wissen wir sowieso nicht wohin mit der neuen Freizeit. Ohne ein Ziel, einen anstehenden Termin bleibt uns nichts. Zeitdruck ist Antrieb und ohne funktionieren wir nicht mehr. Es gibt keine Motivation ohne eine Deadline. Kein Wille ohne einen Preis. Wir schieben Aufgaben auf unbestimmte Zeit auf, obwohl sie nur ein paar Minuten in Anspruch nehmen. Wir beschäftigen uns dafür mit viel wichtigeren Dingen. Unsere freie Zeit nutzen wir mit Vergleichen und Urteilen. Wir lieben es vor Neid fast zu platzen, unsere Habseligkeiten mit anderen zu bewerten und den darin investierten Zeitfaktor zu messen. Zeit zu verschwenden. Zeit zu opfern. Stundenlang wird gescrollt und geliket und gehasst. Jede freie Sekunde investiert in einen anderen Menschen, den wir nicht kennen. Den wir nicht kennen wollen. Denn er hat mehr erreicht als wir je können. Zumindest reden wir uns das ein. Und in der nächsten Sekunde müssen wir schon zum nächsten Termin. Immer weiter, immer höher. Immer besser. Alles wird in Zeit bemessen. Mit der Ausnahme das, was in Geld bemessen wird. Zeit oder Geld. Wir standen schon immer vor dieser Frage. Eine Entscheidung, die Konsequenzen mit sich bringt. Und wofür entscheiden wir uns? Wir entscheiden uns immer für das Geld. Somit gegen die Zeit. Wir opfern Lebenszeit für Geld. Damit wir uns bessere Besitztümer leisten können, die uns nur für kurze Zeit zufriedenstellen. Damit wir uns ein großes Haus bauen können, in dem wir nicht alt werden. Denn Zeit ist irgendwann aufgebraucht. Und doch streben wir immer nach mehr Geld. Reichtum, damit wir irgendwann nicht mehr arbeiten müssen, wenn wir alt sind. Bis zur Pension arbeiten, um den kurzen Ruhestand zu genießen, anstatt das Leben zu genießen, angefangen in den jungen Jahren. Die wenige Zeit nutzen, die man hat. Und nicht dem Haufen Geld hinterherzulaufen, es zu jagen, bis keine Zeit mehr übrig ist. Geld ist wertvoller als Zeit. Bei Geld gibt es kein Limit. Millionär, Milliardär, Zahlen, die man nicht mehr schreiben oder aussprechen kann. Bei Zeit gibt es ein Limit, das näher ist, als man denkt. Ein Limit, das leicht zu erreichen ist. Das Leben hat ein Ablaufdatum. Wir haben im Durchschnitt 28.854 Tage, das sind 692.496 Stunden. Das ist eine sehr kleine Zahl im Vergleich zu der Menge an verfügbarem Geld. Geld, das nicht erreichbar ist und deswegen noch erstrebenswerter. Und trotzdem wird unsere Zeit regelmäßig eingetauscht, hergegeben und weggeworfen. Stunden verstreichen und du merkst es kaum. Du schenkst der Zeit keine Beachtung, egal wie viele Minuten du in einer Warteschleife hängst, im Wartezimmer beim Arzt, an der Bushaltestelle. Relevant ist die Uhrzeit, der Maßstab der Gesellschaft. Eine Woche verstreicht und wir wissen am Sonntag nicht mehr, was wir am Montag getan haben. Ein Jahr verstreicht. Ein Jahr mit einer Person, die dich nicht schätzt, im falschen Freundeskreis und doch hat man es versucht und nicht aufgegeben. Wir schenken unsere Zeit her, egal ob verdient oder nicht, begründet oder unbegründet. Wir denken nicht darüber nach. Es bleibt keine Zeit zum Denken. Wichtig ist unser finanzielles und materielles Vermögen. Es bedeutet Status und Ansehen. Mit viel Zeit bekommst du keine Lorbeeren, keine Anerkennung für dein Zeitmanagement. Mit wenig Zeit hingegen bist du etwas. Du bist viel beschäftigt, ein echter Geschäftsmann. Aus dir ist etwas geworden. Du hast keine Zeit mehr für Freundschaften oder Familie, du gibst alles auf für die Arbeit, für das daraus resultierende Geld. Chronischer Stress ist gut, das heißt du gibst dir Mühe. Stress ist Antrieb und ohne funktionieren wir nicht mehr. Das Adrenalin in deinen Adern hält dich wach trotz der fehlenden Zeit an Schlaf, an Ruhe. Permanent auf 180. Plusstunden in der Arbeit. Minusstunden im Leben. Doch wenn du zu viel Zeit hast, bist du unproduktiv. Hast du keine Arbeit, die dir die Zeit raubt? Keine Aufgabe, wie du dein Leben verbringst? Genug Zeit zu haben bedeutet Langeweile, das ist nichts erstrebenwertes. Du bist kein Teil der Gesellschaft, die auf Hektik programmiert ist. Was machst du die ganze Zeit? Jagst du deinen Träumen hinterher? Nutzt du deine Zeit mit Hobbys, die dir Freude machen? Ja, was ist, wenn du deine Zeit sinnvoll nutzt? Solange es jedoch kein Geld bringt, ist es Zeitverschwendung. Es ist nichts weiter als eine sinnlose Beschäftigung, die du gleich wieder aufgeben kannst. Auch wenn es dich glücklich macht, solltest du es lassen und lieber arbeiten gehen. Geld verdienen. Dafür ist die Zeit gut genutzt. Zeit eingetauscht für Geld, damit wir uns bereichern können. Mit anderen vergleichen, über andere urteilen. Immer weiter, immer höher. Immer besser. Aber bleibt Zeit zum Glücklichsein in diesem System? Wo bleibt die Zeit für Selbstverwirklichung? Wo ist sie, um einfach mal die Füße hochzulegen und einen Moment innezuhalten? Wir hetzen von einem Ort zum anderen. Von einer Zeitangabe zur anderen. Aber was passiert, wenn wir kurz stehen bleiben und tief durchatmen? Die Augen schließen. Die frische Luft in unserer Lunge spüren. Die Sonne, die uns ins Gesicht scheint. Wenn wir kurz den Geräuschen lauschen. Dem Vogelgezwitscher, dem Summen der Bienen. Die Uhr tickt und die Zeit rennt. Du hörst den Sekundenzeigen im Kopf unerlässlich fortrücken. Die Sekunden verstreichen, die Minuten, die Stunden. Doch es passiert nichts. Die Erde wird sich weiterdrehen. Wenn wir uns nur eine Minute Zeit nehmen, um zu pausieren, passiert nichts. Niemand wird den Finger auf dich richten wegen Unpünktlichkeit. Wegen einem verpassten Termin, Zug oder Flieger. Die Erde wird sich weiterdrehen. Und das System wird weiter funktionieren. Auch ohne dich. Du wirst auf Unverständnis und Missachtung stoßen. Doch das macht nichts. Denn du hast etwas viel Wertvolleres gewonnen. Du hast Zeit gewonnen. Zeit für dich. Zeit für Dinge, die du schon immer einmal tun wolltest. Du wirst merken, Zeit ist wertvoller als Geld. Das Geld kann warten. Du nimmst dir die Zeit, die du brauchst. Ohne Rücksicht auf andere. Auf die Menschen in deinem Umkreis, die dich fragen: Womit du denn jetzt Geld verdienst? Wie du deine Zeit denn nutzt? Die Gesellschaft gibt den Maßstab vor, bestehend aus Zeitvorgaben und Geldbeträgen. Den Maßstab, der dir sagt, wie viel du wert bist, wie viel du erreicht hast. Während du innerlich zerbrichst. Während dir die Zeit durch die Finger rinnt. Doch du bist aus dem System ausgebrochen. Du suchst nach deinem verlorengegangenen Glück und nimmst dir alle Zeit der Welt. Denn niemand kann bestimmen, wofür du deine Zeit nutzt. Niemand kann dich aufhalten. Es ist deine Zeit. Du hast noch 14.427 Tage, das sind 346.248 Stunden.