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Kurzgeschichten

Zehn nach zehn

Zehn nach zehn

Die Uhr zeigt viertel vor zehn Uhr abends, aber eigentlich ist es schon zehn vor. Ich starre unablässig auf die Anzeige, fokussiere mich darauf, um mich abzulenken. Es ist eine eisige und pechschwarze Nacht, ich ziehe meine Jacke noch weiter zu, sodass sie meinen Mund bedeckt. Mein darin zirkulierender Atem wärmt mich ein bisschen, dass ich nicht mehr so stark zittere. Außer mir ist niemand am Bahnsteig zu dieser späten Stunde. Es ist auch der letzte Zug, der von diesem trostlosen Bahnhof wegführt. Er sollte um Punkt zehn Uhr abfahren, doch aktuell ist er noch nicht in Sicht. Um mich noch mehr aufzuwärmen, gehe ich am Bahnsteig ein paar Schritte auf und ab. Dabei richtet sich mein Blick immerzu auf die Anzeige, sie ist das Zentrum meines Blickfelds, weil ich nicht wage, die Umgebung genauer zu betrachten. Nur noch sieben Minuten. Bahnhöfe haben mir schon immer ein ungutes Gefühl gegeben. Keine Angst, aber ein Vorstadium davon. Ein unsicherer Ort für eine junge Frau. Wie als Bestätigung flackert die Lampe über mir und bringt mich kurz aus dem Konzept. Ich rede mir ein, dass das kein Zeichen ist, und richte meine Aufmerksamkeit wieder auf die elektronische Anzeige, die ein Stück Zivilisation an diesen sonst so verlassenen Ort darstellt. Nur noch sechs Minuten. Ich halte mich an ihr fest wie ein Anker, der mich vor dem Untergang in meinen Gedanken schützt. Auf dem Bildschirm ist eine Liste an Zügen mit aktuell nur einer Zeile davon belegt. Ganz rechts springt mir ein neues Wort in Rot ins Auge. Verspätet. Jetzt sind es weitere zehn Minuten. Es ist fünf vor zehn, also fünfzehn Minuten, bis der Zug kommt. Ich höre Schritte auf der Treppe, die zu mir auf den Bahnsteig führt, und halte inne. Im Augenwinkel sehe ich eine dunkle Gestalt auf mich zukommen. Ich spüre den Lufthauch, den sie nach sich zieht, als sie an mir vorbeigeht. Im schützenden Schein der Anzeige blicke ich auf und sehe der Person zu, wie sie sich mit einem gewissen Abstand neben mich stellt. Es ist ein großer Mann, der einen schwarzen Mantel trägt. Als er mich ansieht, geht mein Blick schnell zur Ausgangsposition zurück, so als hätte ich mich nie vergewissert, dass er mir nicht zu nahekommt. Für mich strahlt er Bedrohung aus. Allein mit ihm hier zu sein macht mir Angst, die ich zuvor noch nicht verspürt habe. Ich versuche meine Gefühlslage zu verstecken. Eine Ansage erfolgt und ich bete, dass mein Zug doch früher kommt. Aber sie sagt nur, dass ein Zug durchfährt, der dann auch direkt am gegenüberliegenden Bahnsteig mit rasanter Geschwindigkeit vorbeisaust. Es ist für einen Moment ohrenbetäubend laut und mein Blick wandert in Alarmbereitschaft wieder zu dem Mann hinüber. Dann wieder auf die Uhrzeit. Noch zehn Minuten. Als ich das nächste Mal zu dem Mann sehe, scheint er näher gekommen zu sein. Ich sehe weg, doch spüre weiterhin seinen Blick auf mir ruhen. Unauffällig entferne ich mich zwei kleine Schritte. Das Licht des Bildschirms erleuchtet mein Gesicht und blendet mich beinahe. Er rückt zwei Schritte nach und macht damit meinen Vorsprung zunichte. Wieder wage ich ein paar Fußbewegungen, die kaum als Schritte gelten. Ich hole Luft und versuche meinen Blick wieder auf die Anzeige zu richten, doch ich spüre seine Anwesenheit neben mir. Er ist zu nah. Es fühlt sich an, als würde etwas lauern und warten, bis ich einen Fehler mache. Eine falsche Bewegung und ich bin dran. Der Boden knirscht unter seinen Füßen. Reflexartig drehe ich mich zu ihm um und erwische ihn dabei, wie er mich ansieht. Unsere Blicke treffen sich. Blanke Panik muss mir ins Gesicht geschrieben sein. Einen Augenblick ist alles still, keiner von uns bewegt sich. Dann mache ich kehrt und entferne mich weiter von ihm. Während ich mich umdrehe, sehe ich noch, wie er sich ebenfalls in Bewegung setzt und mir folgt. Eine weitere Ansage übertönt meinen Hilfeschrei. Er packt mich am Kragen meiner Jacke und zerrt daran, hält mich zurück. Ich wehre mich mit aller Kraft, doch er schafft es mich zurückzuziehen. Gerade rechtzeitig als ein durchfahrender Zug nur Zentimeter vor meiner Nase vorbeirast.