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Kurzgeschichten

Durch den Tunnel

Durch den Tunnel

Mein Atem rast. Ich sehe ihn als Dampf vor mir aufsteigen. Es ist kühl und feucht hier. Als Kind fürchtete ich mich vor diesem Ort. Jetzt stehe ich mittendrin. In diesem Tunnel, der kein Ende zu haben scheint. Zumindest sieht man es am Anfang noch nicht. Genau dieser Fakt hat mich den Tunnel immer meiden lassen. Aber nun führt kein Weg dran vorbei. Ich muss da durch. Draußen stürmt ein Unwetter. Ich kann es deutlich hören und spüren. Ich stehe noch so nah am Eingang zum Tunnel, dass ich falls notwendig flüchten kann. Doch nicht heute. Ich werde mich meinen Ängsten stellen und diesen Tunnel bezwingen. Kalte Tropfen fallen von oben auf mich herab und lassen mich erschaudern. Sie rinnen mir den Nacken entlang hinunter, bis sie sich langsam durch meine Körpertemperatur erwärmen. Ich stehe noch immer wie erstarrt, zitternd, mein Blick in die alles durchdringende Dunkelheit gerichtet. Auch wenn es völlig schwarz ist, lässt mich mein Kopf glauben, dort in der Tiefe einen Schatten wahrzunehmen. Ich bilde mir das nur ein, versuche ich mich zu überzeugen. Je länger ich in den Tunnel starre, desto steifer vor Angst werde ich. Nach etlichen weiteren Sekunden mache ich einen vorsichtigen ersten Schritt hinein und lausche dem Echo meiner Bewegung, das von den Wänden zurückhallt. Ich warte wieder bis es still wird – um sicher zu gehen, dass da sonst kein anderes Geräusch ist – und wage dann meine Bewegung zu wiederholen. Es gelingt mir, mich ein wenig zu beruhigen, bis auf den Schweiß, der mir auf der Stirn steht und mich durch den Wind abkühlt. Trotzdem gehe ich weiter hinein in den Schlund. Meinen Schätzungen zufolge sollte ich ungefähr die Hälfte erreicht habe, also werde ich bald den Ausgang erkennen können. Vorerst belasse ich meinen Blick aber auf den Boden, um jeden meiner Schritte zu verfolgen und mich nur darauf zu fokussieren. Über meinen gleichmäßigen Atem hinweg höre ich plötzlich ein Keuchen, das direkt hinter mir zu sein scheint. Ich halte abrupt inne und lege mir beide Handflächen auf meinen Mund, um keine weiteren Geräusche zu produzieren. Ich presse meine Augen zusammen, als mir eine Träne zu entkommen droht. Nun höre ich nichts mehr außer meinen pochenden Herzschlag, der mir so laut vorkommt, dass ich befürchte jeder könnte ihn hören. Vor allem dieses Etwas, das sich mit mir in diesem Tunnel befindet. Für einen kurzen Moment habe ich das Gefühl, dass jemand direkt hinter mir steht. Ich glaube sogar, einen Atem an meinen Hinterkopf zu spüren, der verursacht, dass sich mir die Nackenhaare aufstellen. Ich kann das nicht mehr lange durchhalten. Nicht mehr lange, bis mein panisches Herz aus meiner Brust springt. Nicht mehr lange, bis ich den Verstand verliere. Beim nächsten Geräusch, das den Ursprung in meiner unmittelbaren Nähe hat, beginne ich zu laufen. Ich laufe so schnell ich kann. Ich nehme keine Rücksicht mehr und habe keine Angst mehr gehört zu werden. Meine Angst beschränkt sich auf das, was hinter mir ist. Das, was mich zu verfolgen scheint. Ich renne und renne und habe das Gefühl, mich nicht vom Stand wegzubewegen. Ich laufe auf der Stelle. Etwas hält mich zurück. Nun sehe ich nach vorne, versuche den Ausgang aus dieser Hölle zu entdecken. Weiterhin bleibt alles schwarz. Weiterhin spüre ich etwas so dicht hinter mir, es könnte leicht den Arm nach mir ausstrecken und mich packen. Vielleicht hat es das auch schon längst getan. Ich schreie nun. Ich schreie um Hilfe, die nicht kommt. Meine Schreie multiplizieren sich an den endlosen Wänden. Dieser ewige Tunnel scheint nie aufzuhören, denke ich, als ich hart gegen die Wand pralle, die sich plötzlich vor mir auftut. Unglaubwürdig streiche ich mit den Fingern über das feste Mauerwerk, an dem ich zum Stillstand gekommen bin. Als sich die Realisation breit macht, merke ich wie mir die Tränen die Wangen hinuntergleiten. Gleichzeitig ist das Keuchen hinter mir lauter geworden, doch ich blicke nicht zurück. Mein Gesicht gegen die Mauer gerichtet, warte ich.