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Kurzgeschichten

Die Frau im Café

Die Frau im Café

Der bittere Geschmack flutet ihren Mundraum. Eine angenehme Wärme stellt sich ein. Ein wohliges Gefühl von der verbleibenden Flüssigkeit, die an ihrer Unterlippe langsam trocknet. Sie spürt, wie sie im Kopf wacher wird, aber es kann auch nur Einbildung sein. Sie liebt Kaffee, ohne Milch und Zucker und genau auf die Art, wie sie ihn hier zubereiten. In ihrem Lieblingscafé, wo sie jeden Tag zur Mittagszeit genau eine Stunde damit verbringt, das himmlische Getränk zu genießen. Aber es ist nicht nur das. Sie ist sich sicher, dass sie anderswo auch eine Siebträgermaschine haben und ebenso guten Kaffee. Es ist die Atmosphäre. Sie ist nicht gern unter Menschen, aber hier fühlt es sich nicht danach an. Hier kann sie abgeschottet in der hinteren rechten Ecke des Cafés – ihrem Lieblingsplatz – sitzen und einfach nur beobachten. Sie ist unsichtbar. Andere scheinen sie nicht wahrzunehmen. Sie fällt niemanden auf, tarnt sich mit den dezenten warmen Tönen der Umgebung und sagt nie auch nur ein Wort. Wenn sie bestellen will, zeigt sie mit dem Finger auf die Karte, wenn sie zahlen will, legt sie den exakten Betrag auf den Tisch und verlässt das Café. Sie ist immer allein hier, sieht nicht die ganze Zeit auf einen Bildschirm, sondern lässt ihren Blick durch den kleinen Raum schweifen. Gerade zur Mittagszeit ist hier viel los und sie kann mit Sicherheitsabstand die unterschiedlichen Menschen betrachten. Es fasziniert sie, wie so viele Persönlichkeiten auf zufällige Art zusammentreffen. Eine einzige Entscheidung kann den Lauf ihrer Geschichte ändern. Wenn jemand nicht hierherkommt, einen Kaffee trinken, trifft er vielleicht niemals die Liebe des Lebens. Für sie gilt das jedoch nicht. Keine Interaktion bedeutet auch keine Bekanntschaften. Keine Freundschaften. Und schon gar keine Beziehungen. Allein der Gedanke an einen Menschen, mit dem man sein Leben teilt, widert sie etwas an. Sie zuckt kurz zusammen, aber es hat niemand registriert. Der Tropfen Kaffee, der durch diese Bewegung aus der Tasse entkommen ist, rinnt ihr über die rechte Hand, die die Tasse fest umklammert hält. Ohne dem weiter Beachtung zu schenken, bleibt ihr Blick an einem Paar auf Tisch Nummer 3 hängen. Sie sind neu, alle anderen hat sie hier schon einmal gesehen und erkennt sie wieder, aber diese zwei sind ihr völlig fremd. Sie wirken frisch verliebt und obwohl das Gefühl in ihr Übelkeit verursacht, kann sie die Augen nicht davon lösen. Wie festgefahren starrt sie unablässig auf diesen Mann und diese Frau, die sich gegenübersitzen und anlächeln. Irgendetwas stimmt hier nicht. Sie hat da so ein Gefühl. Diese zwei kennen sich noch nicht so lange. Ihre Körperhaltung verrät es. Die unbekannte Frau hat ihre Arme schützend um ihren Körper gelegt und lehnt sich zurück, um weiter weg von ihm zu sein. Er hingegen stützt sich am Tisch ab und beugt sich damit zu ihr hinüber. Völlig unverständlich betrachtet sie das Szenario. Versteht der Mann denn nicht, dass sein Gegenüber zurückweicht? Abstand will? Was ist hier los? Als sie genauer hinsieht, glaubt sie es zu erkennen. Er hat ein Geheimnis. Er unterdrückt diese Frau. Ihr Blick scheint dies nicht vermuten zu lassen – sie strahlt förmlich – doch muss sie in der Öffentlichkeit wohl öfter schauspielern, den anderen etwas vorspielen. Damit niemand einen Verdacht hegt. Doch sie weiß es. Sie fühlt es. Wie sie da in der letzten Ecke an ihren Kaffee nippt, kann sie es beinahe riechen. Wenn sie sich so sicher ist, wird sie dann etwas unternehmen? Sie mischt sich nicht gern in die Angelegenheiten anderer ein, aber das ist sozusagen ein Notfall. Wenn sie es jedoch melden will, ist sie gezwungen, mit jemanden zu sprechen. Die Tasse an ihren Mund haltend sieht sie, wie sich im Inneren die letzten Tropfen versammeln, die sie gierig einsaugt. Obwohl sie jetzt leer ist, hält sie die trostspendende Keramik weiterhin in ihrer Hand und fährt mit ihren Fingerspitzen über die glatte Oberfläche. Die Gestik des Paares hat sich mittlerweile geändert. Sie halten am Tisch Händchen und dazu hat sich die Frau etwas vorgebeugt. Er hat sie dazu gezwungen. Das ist unmissverständlich. Es ist so, als würde sie die Wahrheit dahinter sehen, während alle anderen blind durch ihr Leben gehen und sich nur um sich selbst kümmern. Ungefähr zehn Tische stehen in unmittelbarer Nähe zu der Frau in Not und keine einzige Person schenkt ihr eine Form von Aufmerksamkeit. Niemand scheint sie zu beachten. Genauso wie niemand die hintere rechte Ecke beachtet und die Frau, die an ihrer leeren Tasse schlürft. Doch sie ist die eine, die das Verbrechen erkennt. Und die eine, die Gerechtigkeit für diese arme Frau schaffen wird. Da tritt eine weitere Frau in ihr Blickfeld und verdeckt damit die Sicht auf das Paar, das keines ist. Sie kommt näher. Sie hat einen weißen Kittel an und erinnert an Krankenhauspersonal, aber kein normales. Der Sichtkontakt zur unterdrückten Frau ist durchbrochen und macht sie nervös. Wenn der Mann ihr jetzt etwas antut, kann sie nicht eingreifen. Die Krankenschwester kommt weiterhin auf sie zu, bis sie direkt vor ihr steht. Erst jetzt sieht sie verunsichert hoch in ihr unbekanntes Gesicht. Vielleicht hat die Krankenschwester es auch gesehen und will helfen. Vielleicht will sie die arme Frau mitnehmen. Doch sie beugt sich zu ihr hinunter und sagt: „Ihr Ausgang ist vorbei.“